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Montag, 23. Januar 2012

Sète-Seminar am Mittelmeer

(Dieser Text ueber das « mi-temps » Seminar wird ausfuehrlich mehrere Blog-Beitraege lang und entsprechend verlinkt sein. Nehmt euch deshalb ausreichend Zeit zum Lesen und ich bitte Schreibfehler zu entschuldigen.)
Foto (c) privat
Wenn sich Deutsche mit „Salut, comment vas-tu?“ (Hallo, wie geht es dir?) ansprechen, dein so genanntes  „Zuhause“ wirklich in Frankreich ist und man selbst als Franzoesin durchgeht. Wenn allein das alles schon zutrifft: Herzlich Willkommen beim Janvier-Seminar von VISA!
Mit anderen Worten bedeutet das: Internationalism, Mittelmeer, Theater, gravierender Schlafmangel und Widersehensfreude.

Emmanuel und ich wurden Montagmorgen von seiner Tutorin Christine bei  frostigen -6 Grad und Sonnenschein zum neuen Bahnhof in Belfort gefahren. Von dort sollte uns unsere Reise per Zug nach Besançon, Dijon, Lyon, Montpellier und letztlich nach Sète bringen. Es haette so reibungslos sein koennen, wenn unser Zug in Lyon keine technische Panne gehabt haette. Geschlagene 1 ½ Stunden standen wir auf dem Gleis und nichts bewegte sich voran. Deutsche wuerden in solchen Momenten schimpfen. Franzosen bleiben Herr ueber die Situation, in der sie sich befinden. Sie bleiben tranquille (ruhig), sitzen ihren Unmut stumm in der Hoffnung aus, dass das Problem ihnen eine Entschaedigung gewaehrt. Als es endlich weiter ging hatten Emmanuel und ich zumindest die Hoffnung, den Anschlusszug in Montpellier noch zu erreichen, aufgegeben. Unser Glueck, dass noch andere Freiwillige im selben Zug waren. Irgendwann gab es eine Durchsage und kurz darauf blieb der Zug stehen – mitten im Nirgendwo. Alle Reisenden stiegen aus, auch viele Mitfreiwillige und Yves, Jean-Daniel, Marguerite und Chaterine von VISA. Wir waren also wirklich nicht allein – in Nimes. Es dauerte eine Weile bis wir das richtige Gleis fanden, uns als Gruppe sammelten und in einen anderen Zug nach Montpellier einsteigen konnten. Von dort war das Mittelmeer nicht mehr weit. Um die 40 Frewilligen quetschten sich anschliessend in eine voellig ueberfuellte Regionalbahn, in der man sich kaum noch bewegen konnte.

Mit einer abenteuerlichen Verspaetung kamen wir in Sète an, es wurde sich ausgiebig begruesst und schon fuhr uns ein Bus zu unserer Unterkunft „Le Lazaret“. Zu dem Zeitpunkt wurde es schon dunkel. Nachdem schnell alle 100 Freiwilligen und das gesamte VISA-Team mit der Zimmervergabe beschaeftigt waren, gingen Emmanuel und ich fuer ein paar Tage getrennte Wege. Ich kam in ein Balkon-Zimmer mit Lilly, Jule und Anika aus Deutschland. Das Meer war vom Balkon aus bien en face (geradeaus zu sehen).

Von 19:30 Uhr bis 21:15 Uhr gab es taeglich das Abendessen – eine halbe Stunde laenger als normalerweise. Von Ungeduld konnte da nicht die Rede sein. Danach wurden wir am Montagabend offiziell begruesst, das straffe Seminar-Programm sowie unsere Atelier-Begleiter vorgestellt.

Neben dem VISA-Team um Yves Klopfenstein standen uns vier waschechte Schauspieler, Komiker und Theater-Regisseure zur Seite.

Die erste kurze Nacht stand uns bevor, da wir in den folgenden vier Tagen nicht frueher ins Bett kamen als 1:30 Uhr am Morgen… … bitte
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Sète partie #1

Foto (c) privat
Der erste Seminar-Tag, Dienstag, war der vollste und vielleicht anstrengendste von allen. Nach dem Fruehstueck fingen wir um 8:45 Uhr an uns mit  „Liberté, egalité et fraternité“ (Freiheit, Gleichheit und Bruederlichkeit) auseinander zu setzen. In einem grossen Saal diskutierten wir an drei Vormittagen in 10er-Gruppen jeweils eines dieser drei Themen, anhand von Fotos, Zitaten und Videos. Mir war leider nicht ganz klar, in welcher Relation diese franz. Themen zu unserem Freiwilligendienst stehen. Meiner Meinung nach haette ein Vormittag zum Diskutieren gereicht. Gegen 10 Uhr bildeten wir am Dienstag mehrere Gruppen à 21 Freiwilligen, die das gesamte Seminar nicht gewechselt wurden.

An diesem Vormittag gab es zwei Ateliers mit Jean-Daniel [VISA] und Bernard [Pastor]. Gemeinsam sprachen wir ueber generell positive sowie negative Punkte unseres Freiwilligendienstes und spezifische Schwierigkeiten / Probleme auf unserer Arbeit. Bernard versuchte mir beispielsweise den Umgang mit dem Tod eines Altenheimbewohners naeher zu bringen. Welcher Prozess von Trauer, Akzeptanz und Schock dahinter stehen und verarbeitet werden muessen, bevor man damit „abschliessen" kann. Ich kann von Glueck sprechen, dass ich bisher keine Probleme im „Maison Belot“ hatte. Es gibt Freiwillige, die von ihren Vorgesetzten / Arbeitskollegen respektlos behandelt werden oder schlichtweg in ihrer Einrichtung fehl am Platz und ohne Beschaeftigung sind. Interessant sind auch die sprachlichen Fotrschritte eines jeden Einzelnen: Einige sprechen deutlich besser als noch im September, andere haben sich kaum sprachlich weiterentwickelt. Die Franzosen unter uns zum Beispiel – ich selbst habe, denke ich, einen guten Progress gemacht.

Da das Mittagessen  um 12:30 Uhr – die Kueche war sehr gut, besonders fuer Fischliebhaber – viel Zeit unserer einzigen Pause einnahm, blieben uns nur ein paar Minuten fuer einen kurzen Strandausflug nahe der Unterkunft. Das Wetter war sonnig, wolkenlos und fast mild.

Um 14 Uhr empfing Brahim [Schauspieler] meine Gruppe, um uns an das Theatherspielen heran zu fuehren. Wir absolvierten einige Stimmuebungen, lernten die Beziehung zwischen Darsteller <-> Zuschauer kennen und mussten allein jeweils eine Linute stumm vor der gesamten Gruppe stehen. Stichwort: Selbstbeherrschung und Disziplin. Dieses Atelier war mir ein leichtes, da ich die gestellten Aufgaben schon voraussehen konnte und aus meinen schulischen Theater-Unterrichten kannte.

Gleich im Anschluss daran begann ein anderes Atelier mit Bernard und Jean-Daniel. Diesmal eine Art meditative Traumreise und Spiele, um unser eigenes Vertauen und das Vertrauen in andere zu staerken. Auch diese Aufgaben waren mir nicht fremd.

Vor dem Abendessen um 19:30 Uhr sollten wir uns mit Julie [VISA] andere Personalitaeten anschminken und zum Beispiel einem Ast eine ganz neue Bedeutung / Funktion / Geschichte geben. Sonderlich kreativ war ich nicht, weil ich langsam muede wurde.

Das sechste Atelier des Tages verbrachten wir mit Gilles [Komiker und Theater-Regisseur]. Er machte einige  „bleu, bleu, bleu“ Stimmuebungen  und Improvisationen mit uns, da  eine laute Stimme beim Theaterspiel von grosser Bedeutung ist. Das Tagesprogramm endete damit um 22:30 Uhr und ich musste noch einen Fragebogen fuer VISA ausfuellen. Dieser sollte in einem Einzelgespraech abgegeben werden. …… bitte
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Sète partie #2

Foto (c) privat; via V350
Nach der Diskussionsrunde am Mittwoch stand fuer meine Gruppe das VISA-Atelier an und so wartete ich lange auf mein Gespraech mit Ghofrane, der Sekretaerin von VISA. Leider schickte sie mich gleich zum naechsten Atelier  mit Violaine [VISA], die versuchte, uns neue Animationsideen zu geben – der straffe Zeitplan musste eingehalten werden und ich sollte mich in unserer Freizeit mit ihr treffen. Wenn jeder Freiwillige 30 Minuten spricht und eigentlich nur 10 Minuten geplant sind geht das mit der Planung ja nicht! Tatsaechlich: Mittwoch hatten wir Abend und Nachmittag frei! Nach dem Mittag versuchte ich mich also zu beeilen. Einige Deutsche wollten erst in die Innenstadt, dann zum Strand. Mein Gespraech war gut. Ghofrane meinte, meine franz. Sprache sei gut. Sie fragte mich wie es mir mit der Arbeit geht und was VISA als Organisation in Zukunft verbessern koennte. Ich habe ihr auch klar gemacht wie es um die Arbeitszeiten von Fatia, Estelle und mir steht und wie mein Verhaeltnis zu meiner Tutorin ist. Wuerde Fatia gar nicht mehr arbeiten, waere das „Maison Belot“ verloren. Ghofrane hat mir aufmerksam gelauscht, nachgefragt und Verstaendnis gezeigt.

Anika und Lilly hatten auf mich gewartet und nachmittags gingen wir in die Stadt. Wir machten Fotos, kauften Postkarten, genossen den Meeresduft und die Sonne. Beinahe haette ich mir eine Lancaster Paris*-Handtasche gekauft, weil ich eine neue Tasche suche – dazu fehlte mir aber dann doch das Kleingeld. Im Schlecker*-Markt kauften wir dagegen spontan deutsche Schokolade. Anika lud uns in einem wunderbaren Café zu heisser Schokolade ein und danach streiften wir durch einige kleine Boutiquen bevor der Hunger uns am Meer entlang wieder in unsere Unterkunft brachte. Beim  Essen verbrachten wir den Abend mit anderen Deutschen.

Donnerstagvormittag folgten der obligatorischen Diskussionsrunde mit Yves zwei weitere Theater-Ateliers mit Brahim und Olivier [Theater-Regisseur und Direktor aus Marseille]. Olivier, der zuvor krank gewesen war, leitete viele kleine Improvisations-Theaterstuecke an, um sie am Ende kaputt zu kritisieren. Ziemlich anspruchsvoll, meine ich mal. War das ein Schauspiel-Workshop oder was? Im zweiten Atelier arbeitete Brahim mit uns am so genannten Bewegungsmotor des Darstellers und wie man den Theater-Spielraum richtig nutzt.

Bevor das „projet spectacle“ um 15 Uhr losging, war es am Strand recht kuehl. Eigentlich wollte ich schon im Januar dieses Jahres anbaden, aber so blieb es bei nassen Fuessen. Aber zurueck zum „projet spectacle“: Was bedeutete das? Es bedeutete, dass wir 1 ½ Tage Zeit hatten, um uns eigenhaendig ein Theaterstueck inklusive Genre, Titel, Hintergedanke, Beleuchtung etc. auszudenken! Ich war der Coach von meiner Gruppe, die aus Lilly und zwei ungarischen Freiwilligen bestand. Coach heisst Verantwortung und Telefonnummer hergeben. Wir vier entschlossen uns das Thema liberté (Freiheit) zu nehmen und daraus ein psychologisches Drama zwischen Mutter und Tochter zu machen. Ich hatte dabei die Rolle der Mutter, die ihrer Tochter ihrer Freiheit entzieht.  Daniella, Csilla, Lilly und ich arbeiteten wie die anderen den ganzen Nachmittag daran bevor es zur „Jury“ ging. Gluecklicherweise war abends das Wetter sehr mild. Denn wir standen ueber eine Stunde draussen bis wir endlich um 22:55 Uhr an der Reihe waren. Wir hatten uns kein Klischee ausgedacht und deshalb gaben uns Jean-Daniel und Brahim nur einige Verbessungstipps…… bitte
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Sète partie #3

Foto (c) privat
Freitagvormittag machten wir uns Gedanken ueber die Verantwortung, die wir der Welt und unseren Mitmenschen schuldig sind. Ich war nicht die Einzige, die dabei fast eingeschlafen waere. Die Naechte waren wirklich nicht lang und am letzten Seminar-Tag stand uns etwas Grosses bevor! Wozu gab es all die Theater-Ateliers und einen schoepferischen Donnerstagnachmittag? Richtig, fuer einen Schauspielabend!

Zunaechst fanden allerdings noch zwei Ateliers statt: Mit Julie versetzten wir uns theoretisch in die Position eines Theater-Regisseurs, der  ein Projekt fuer behinderte Kinder organisieren soll. Mit Gilles machten wir ein letztes Theater-Atelier.

Danach schwur uns Olivier am Nachmittag auf den langen Abend ein: Répètez, répètez, répètez (Wiederholen, wiederholen, wiederholen)!!! Genau das taten wir auch. Der Erfolgsdruck war relativ hoch, in der Vergangenheit haben die spectacles (Veranstaltungen) immer hervorragend Spass bereitet. Der Druck innerhalb meiner Gruppe war so hoch wie die Zuschauerzahl selbst. Das Abendessen war vorbei und das spectacle konnte kurz vor 22 Uhr beginnen. Draussen in der Dunkelheit. Es endete auch draussen – um 1:40 Uhr. Zu dieser fruehen Stunde des Samstags, dem Abreisetag, war noch kein Koffer oder Rucksack gepackt. Trotzdem haben die 18 Stuecke Spass gemacht und mein eigenes begeisterte auch. Sogar Yves kam danach zu mir und meinte, ich sei „SUPER“ gewesen. Vielleicht bekommt ihr irgendwann das aufgenommene Video davon zu sehen.

Nach vier Stunden Schlaf klingelte der Wecker in aller Herrgottsfruehe und es gab ein letztes Fruehstueck – gezuckerter Naturjoghurt, ein Stueck Marmorkuchen und Kakao. Eigentlich sollte es vormittags zwei Busse zum Bahnhof geben. Daraus wurden letztlich drei, weil die Mehrheit der Freiwilligen nur einen Zug am Nachmittag bekommen hatten. Dazu zaehlten auch Emmanuel und ich, aber wir haben es vorgezogen mit Joseph – einem Franzosen – die Wartezeit bis zur Zugabfahrt in der Innenstadt zu verbringen. Gegen Mittag kamen auch wir am Bahnhof an, trafen auf unsere alten Bekannten vom Seminar und nach und nach wurde sich von einander verabschiedet. Am Schluss blieben nur noch drei Franzosen und eine Deutsche uebrig: Emmanuel, Joseph, Mickael und ich.
Nur Mickael hatte ein Ticket fuer einen anderen Zugwaggon. So wie sich unser Zugwaggon in Richtung Lyon leicht nach links und rechts neigte, so prallten auch ab und an unsere Koepfe im dringend noetigen Schlaf aneinander. Das war lustig mit anzusehen.

Lyon erreichten wir um 17 Uhr mit leichter Verspaetung. Diese reichte aber aus, um den Anschlusszug ins Elsass knapp zu verpassen. C’était la merde (Das war scheisse)!
Als Emmanuel, Joseph und ich am Ticketschalter standen waren wir heil froh, dass noch ein anderer Zug am gleichen Tag nach Strasbourg fuhr. Die zwei Stunden Wartezeit verbrachten wir nahe des Bahnhofs und in einem Quick*-Restaurant. Ich habe lange nicht mehr so viele Menschen hektisch durch die Gegend rennen sehen wie in Lyon. Vielleicht waren sie gar nicht in Hektik, vielleicht kam es meinem mueden Kopf nur so vor…

Um 19 Uhr stiegen wir in unseren „Ersatzzug“, zweite Etage, erste Klasse. Komfortable! Nach 1 ½ Stunden war das durch den Stress pushende Adrenaline verschwunden und fuer Emmanuel und mich war Endstation in Belfort: Wind, Regen, sieben Grad. Marie-Françoise, die direkt neben dem „Maison Blanche“ wohnt, holte uns netterweise ab, brachte uns bis zur Haustuer und gab uns Pizza zum Essen. Très sympa (sehr nett)! Die vier Monate alte Ganache war noch am Leben und eine kleine Weile spaeter war Schicht im Schacht.

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keine Schleichwerbung beabsichtigt

Jetzt wisst ihr, was wir VISA-Freiwilligen so gemacht haben und ich hoffe, es stoert nicht, dass ich nicht jede einzelne Person mit Namen benannt habe.

Lieben Gruess, eure Lucie <3

Donnerstag, 15. September 2011

Herbstliches Strasbourg

Foto (c) privat
Am Montagmorgen sollte es früh nach Strasbourg gehen. Um ein Haar wäre das schief gegangen, weil der durch den Berufsverkehr bedingte Stau in Hamburg unausweichlich war. Bis zum Hauptbahnhof bin ich nicht gekommen, also bin ich eine Station früher in den Zug eingestiegen. Die 6-stündige Fahrt brachte mich nach Hannover, Göttingen, Frankfurt, Mannheim und  zu meinem Umsteigeort Karlsruhe. Schon vor dem Aussteigen traf ich auf mehrere deutsche DJiA-Freiwillige mit ihrem schweren Gepäck. Gemeinsam schafften wir es auf den Bahnsteig, ehe der Zug weiterfuhr. Noch mehr Freiwillige stießen zu uns als wir das nächste Gleis suchten. Es war wirklich toll alle wiederzusehen! Das Vorbereitungsseminar in Eisennach fühlte sich an als wäre es erst gestern gewesen. Dann kam der französische TGV, eine Aufregung brach aus, die Koffer wurden in den Zug gehievt und meine erste Fahrt im lila-rot-farbenen TGV konnte losgehen. Nach 40 Minuten erreichten wir Strasbourg. Auf französischem Boden angekommen, wurden wir prompt von drei Militär-Polizisten mit Gewehren in Empfang genommen. Einladend war das nicht gerade.
Die drei Stunden Aufenthalt am Bahnhof von Strasbourg verbrachten wir natürlich gemeinsam, trafen einige Freiwillige aus Ungarn, aßen und saßen draußen im Sonnenschein. Strasbourg, dass ist mir gleich aufgefallen, ist sehr grün. Ein wenig wie Paris, wenn ich das behaupten darf. Kurz vor 17 Uhr sollten wir von Marguerite und einigen anderen VISA-Verantwortlichen mit einem Bus abgeholt werden. Das war auch gut so, weil das Warten zu diesem Zeitpunkt kaum noch erträglich war. Schließlich wussten wir nicht einmal, was für ein Seminar-Programm uns erwarten würde.

Ich weiß, dass dieser Blog-Eintrag für den ein oder anderen zu lang werden wird. Deshalb werde ich mich etwas kürzer fassen und die Fotos unter (http://www.luno-beaucourt.tumblr.com/) für sich sprechen lassen..

Das Seminar in Strasbourg selbst war super und am Ende waren Lilly, mit der ich ein Zimmer teilte, und ich ein bisschen traurig. Es gab einen Abend mit verschiedenen europäischen Speisen zum Probieren, eine Stadt-Rallye (die nicht wirklich eine war), mehrere Ateliers mit Spielen, Kreativität und Gedanken-Austausch, eine tolle Talentshow mit Gesängen und Tänzen und nicht zu vergessen der lang-atemige Vortrag von Monsieur Maurer über franz. Politik und Religion.

15 verschiedene Nationen mit unterschiedlichen Traditionen und drei Sprachen. Französisch war natürlich die „Seminar-Sprache“, aber beim Essen und während der Freizeit (es stimmt, dass die Franzosen SEHR VIEL und zweimal täglich warm essen!!) wurde entweder  auf Englisch oder Deutsch gesprochen. Ganz schön kompliziert immer zwischen den Sprachen zu wechseln. Die Mehrheiten bildeten Deutsche, Franzosen und Ungarn. Die Minderheiten waren Großbritannien, Dänemark, Spanien, die Türkei oder auch Brasilien. Insgesamt 84 Freiwillige, die mit VISA einen ausländischen bzw. inländischen Dienst absolvieren. Noch dazu bekam jeder Informationen zu seiner finanziellen Unterstützung und einen damit verbunden „Terminplan“ für die nächsten 10 Monate. Ich muss zum Beispiel an MINI-SESSIONS (regionale VISA-Seminare) teilnehmen, mehrere Briefe schreiben, meine Krankenversicherung und Bankkonto selbst einrichten. An dem Vormittag waren das wirklich zu viele Informationen, die einem auch ein wenig Angst gemacht haben. Die Krankenversicherung sollte, laut dem DJIA, nämlich schon in Strasbourg geregelt worden sein…

Das Seminar war wirklich toll und ich werde sicher nochmal in den nächsten Monaten nach Strasbourg fahren. Mit dem Auto sind das nur zwei Stunden Fahrt. Der Abreise-Freitag war übrigens brutal (obwohl der franz. Zeitplan lockerer ist als ein deutscher) mit dem Aufstehen, weil man nie vor 24 Uhr ins Bett kam - wenn man denn wollte. In meinem Reisetagebuch habe ich alles Mögliche notiert, ich freue mich darauf, das in ein paar Monaten zu lesen. Pünktlich um 7:30 Uhr hat mich mein Papa vom „Centre Culturel St. Thomas“ abgeholt und die Fahrt nach Beaucourt konnte am Mittag beginnen.

Bisou, Lucie ♥

Freitag, 11. Februar 2011

Windiges Weimar

Heute vor einer Woche hätte ich Laure in Berlin besuchen können. Nein, von Berlin habe ich wirklich nicht mehr gesehen als den Bahnsteig. Mit dem Zug nach Frankfurt/Main ging es über Halle/Saale in die Kulturstadt Europas von 1999 - Weimar. Während der viereinhalbstündigen Fahrt habe ich leider keine anderen Bewerber/innen getroffen. Alles hat gut geklappt und um 15 Uhr bin ich am Kulturbahnhof von Weimar ausgestiegen, das Wetter war trocken aber bedeckt. Da das Auswahlseminar erst um 17 Uhr anfangen sollte, hatte ich genügend Zeit, um die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte zu finden. Ein kurzer Blick auf den Stadtplan verriet mir, dass ich nur zwei Hauptstraßen folgen musste. Nach mehreren "Auf- und Abstiegen" über gepflasterte Grund, dabei folgte mir ein anderes Mädchen mit Koffer, hatte ich den besagten Veranstaltungsort gefunden. Gut eine Stunde früher als geplant stand ich also an der Rezeption und gesellte mich zu anderen Bewerber/innen aus ganz Deutschland. Erste Kontakte zu Gleichgesinnten, die für Frankreich eingeladen worden waren, waren somit geknüpft.
Punkt 17 Uhr begrüßten uns einige der ehemaligen Frewilligen vom DJiA im Foyer und wir unterschrieben unsere Seminar-Teilnahme, bekamen Namensschilder mit passender Landesflagge sowie unsere Zimmerschlüssel. Unsere 2er und 3er-Zimmer befanden sich in unterschiedlichen Gartenhäusern. Fix wie ich war, bekam ich den ersten Schlüssel, nahm meinen Koffer und machte mich kurz darauf auf den Weg. Ich wohnte im gelben Gartenhaus, im ersten Zimmer. Als ich mit einem freundlichen "Hallo" durch die Zimmertür trat, waren Carolin und Charlene (beide England) aus der Nähe von Bielefeld schon da. Bis zum Abendessen um 18 Uhr lernten wir uns kennen, richteten uns ein und suchten nach einem Supermarkt. Ja, Carolin hatte ihre Zahnbürste vergessen. Den einzigen Fehler, den wir drei gemacht haben, war in die falsche Richtung zu gehen. Plötzlich waren wir nicht auf der Suche nach einem Supermarkt, sondern nach dem Weg aus einem Wohngebiet! Wir liefen wieder zurück, kauften im Weimarer Atrium schließlich ein und waren pünktlich zum Essen in der EJBW. Während des Essens lernten wir Veronica (England) aus Dresden, Carolin und Judith (beide Frankreich) kennen. Anschließend wurden wir im Plenum offiziell vom DJiA-Team begrüßt. Auch die Vertreter/innen der Partner aus Großbritannien, Frankreich und Polen waren da. Aus England kamen u.A. David, Veronica und Lucy, aber ich konnte mich leider nicht genauer mit ihnen auseinandersetzen. Meine französischen Ansprechpartner waren Susanne, Marguerite und Yve, der uns herzlich begrüßte und gleichzeitig klarstellte, er könne kein einziges Wort Deutsch! ;-) Allgemeines Gelächter. Nach der Power Point-Präsentation über das bevorstehende Seminar musste die Stimmung etwas aufgelockert werden. Diejenigen, die etwas Bammel vor den sogenannten "Interviews" am Samstag hatten, wurde versichert, es bestehe keinerlei Prüfungssituation während des Seminars - man wolle sich nur gegenseitig kennenlernen. Ob diese Beschwichtigungen wirklich geholfen und die Nervosität nicht eher gestützt haben, weiß ich nicht. Der Ice-Breaker sollte für Entspannung sorgen. Das Spiel des "rassenden Reporters" - eine Art Frage-Antwort-Spiel - bot die Möglichkeit, den Großteil der rund siebzig Bewerber/innen zumindest einmal persönlich zu Gesicht zu bekommen. Ich war ganz froh, weil es mir schien als ob die England-Bewerber bis zu diesem Zeitpunkt in der Überzahl seien. Dem war zum Glück nicht so. Jakob aus Hamburg, in meinen Augen ein etwas überdrehter 17-jähriger, hat das Spiel letztendlich gewonnen. Anschließend wurden wir länderspeziefisch in kleine Gruppen eingeteilt, um selbstständig unsere Erwartungen/Fragen zum Seminar und DJiA zusammenzutragen. Es war ungefähr halb 22 Uhr als wir am Freitagabend noch einmal alle zusammenkamen, das Erarbeitete besprochen haben (genaue Antworten bekamen wir erst am Sonntagvormittag) und uns dann in die Freizeit verabschiedeten. Am Samstagmorgen war das Frühstück für 8 Uhr angesetzt. An dieser Stelle muss man sagen, dass die Mahlzeiten in der Mensa besser waren als in sonstigen Jugendherbergen, die man kennt. Nicht nur wir Bewerber, auch das Team und die Partner waren anwesend. Um halb 9 Uhr begann der zweite Seminartag - mit einer Andacht und viel Singen. Der weitere Tagesablauf wurde kurz von Kristin und Anne, den beiden Team-Leadern, erläutert. Eine gute halbe Stunde später ging es für die Franzosen und mich in die große gelbe Villa, in der sich die französische Partnerorganisation nebst den ehemaligen Frewilligen Moritz und Louise vorstellten. "VISA" (Volontariat International au Service des Autres) heißt das Programm mit Einrichtungen wie Schulen, Kirchengemeinden, Kindern, Begegnungsstätten, Krankenhäusern und Archen. Wir wurden über Arbeitsbedingungen, Voraussetzungen, Urlaubstage u.A. informiert. Wieder gab es die Gelegenheit Fragen loszuwerden, Infomaterial einzuholen und persönliche Schilderungen zu hören. Auch wenn Yve relativ langsam und verständlich gesprochen hat, war es mir und anderen unmöglich jedes Detail zu verstehen. Vor dem Mittagessen um 12 Uhr haben sich alle Bewerber/innen ein weiteres Mal von einander getrennt, um sich die Erfahrungsberichte der Freiwilligen anzuhören, für die man sich am Vorabend eingetragen hatte. Wichtig war hierbei insgesamt zwei Einsatzstellen kennenzulernen. Eines, für das man sich interessierte und ein Anderes, das eher nicht zu den Favouriten gehörte. Bei Björn, der 2009/2010 in Großbritannien war, informierte ich mich über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Bei Anne, die vor ein paar Jahren ebenfalls in Großbritannien war, informierte ich mich über die Arbeit in einer Behinderten-Einrichtung. Am liebsten hätte ich natürlich bei jeder der Einsatzstellen reingehört! Während des Mittagsessens gab es selbstverständlich nur ein Thema: die Interviews, die den Nachmittag von 13 bis 17 Uhr beanspruchten. Meine Mitbewohnerin Carolin zum Beispiel war gleich nach dem Essen beim Interview mit Victoria dran. Ich machte mir um die Uhrzeit noch keinen Stress. Die aushängende Liste zeigte, dass ich erst um 16 Uhr bei Marguerite und Moritz im roten Gartenhaus an der Reihe war. Ja, jeder Bewerber hatte einen ehemaligen Freiwilligen zur Seite! Das Warten war einerseits ganz gut, andererseits stieg die Nervösität dadurch doch an. Um die Nervosität möglichst lange zu entkommen, habe ich mir die Füße im naheliegenden Park an der Ilm vertreten. Den Rest des Nachmittags verbrachten alle wartenden Bewerber mit der Vorbereitung des sogenannten "Bunten Abends", der für 20 Uhr geplant war. Es wurde Gitarre gespielt, gesungen, diskutiert und gelacht. Um 15:56 Uhr war es dann für mich soweit. Mein Interview begann etwas früher, weil meine Vorgängerin schon früher fertig war. Ein "Salut!" meinerseits und das Warten auf ein Zeichen, das mir sagte, ich dürfe mich setzen. Marguerite fragte mich gleich "Ca va?" - "Ca va bien!", natürlich. Mein Gespräch mit Fragen von A bis Z bezüglich meiner Bewerbung dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Mein einziger Vorteil war, dass Marguerite neben Französisch auch Deutsch konnte - und Moritz, der mir ab und an half und ansonsten nur vor sich hin grinste. Nach dem Motto "Das läuft ja alles super hier...". Als alles vorbei war ging es für mich gleich weiter zum sogenannten "Talk am Nachmittag", der sich damit beschäftigte, was ein Frewilligendienst im Sinne eines Frewilligendienstes eigentlich ist. Es ging um Helfen, Lernen, Unterstützen und Bereichern. Glücklicherweise schätzte ich alles gut ein und gehörte nicht zu denjenigen mit übertriebenen Vorstellungen, was ihren Frewilligendienst anging. Mehrmals musste Anne Hoffnungen "mit dem DJiA und meiner Unterstützung werde ich die Welt verändern" zerplatzen lassen. Bei einem Freiwilligendienst geht es eher um Engagement statt Hilfe und dem Geben und Nehmen. Auch wenn es manchmal scheinen sollte als ob die eigene Arbeit und Kraft, die man aufwendet, rein gar nichts bewirkt - für den Einzelnen bedeutend es ganz viel. Nach einem langen Nachmittag folgte ein langes Abendessen, bei dem sich selbstverständlich jeder über die Interviews unterhielt. Der "bunte Abend", der uns allen viel Spaß gemacht hat, begann mit einer kleinen Moderation. Schließlich war das abendliche Programm von uns selbst organisiert. Partnern und dem Team war somit eine Pause gegönnt. Gemeinsam haben wir viele unterhaltsame aber auch andächtige Lieder gesungen. Die musikalische wie schauspielerische Interpreatation von "Hero" von Enrique Igelesias gehörte zu den Highlights im Kerzenlicht. Gruppenspiele wie "Die Adamsfamily", "Freeze" und "Thumps up" sind empfehlenswert. Mit "Im Wagen vor mir" und der längste Kette aus Kleidungsstücken ging der Abend zuende. Für Carolin, Charlene, schätzungsweise fünfundzwanzig anderen Leuten und mich ging es noch in die Altstadt. Vielen wollte - da jetzt das Gröbste vorbei war - ein bisschen feiern gehen. Unsere Gruppe teilte sich nach einiger Zeit auf. Die Einen wollten in einen Club (später stellte sich heraus, es war eine Art Ü30-Feier) und die Anderen (mich eingeschlossen) suchten ein gemütliches Café, um einen Cocktail zu trinken. Mit meiner Zimmerbewohnerin Charlene (England), Johann (Frankreich), Annika (Frankreich; aus Hamburg), Carolin (Frankreich), Joost (England; aus Cuxhaven) und ein paar anderen blieb ich eine ganze Weile im ACC. Überraschenderweise konnte ich im Dunkeln doch noch ein bisschen Kultur genießen als wir am Bauhaus-Museum, dem Schiller-Goethe-Denkmal, dem Goethe-Café un dem Residenzschloss vorbeikamen. Am Sonntag, dem Abreisetag, mussten wir noch früher aufstehen als sonst und dementsprechend war die Nacht etwas kurz. Das Frühstück fiel auch kürzer aus, unsere selbst organisierte Andacht mit dem Vaterunser fand Gefallen und vor dem Abschied gab es eine letzte Power Point-Präsentation. In dieser ging es um die Antworten auf unsere Fragen vom Freitag, die sich zumeist während des Seminar geklärt hatten, Organisatorisches und Finanzielles. Schnell wurde ein Rückmeldungsbogen zum Seminar ausgefüllt, schon standen wir händehaltend auf der Dachterrasse und wurden für unseren zukünftigen Weg gesegnet. Nach einem aufregenden, stürmischen Wochenende ging es im Sonnenschein zurück zum Bahnhof. Um 13 Uhr kam der Zug in Richtung Zuhause. Bis Göttingen fuhr ich nicht allein., da Annika (Frankreich) mich begleitete bis sich unsere Wege trennten. Mit etwas Glück sehen wir uns im August zum Vorbereitungsseminar wieder!
Fotos (c) privat
Liebe Grüße, eure Lucie :)